Autor: Thomas H. Stütz
Chief Global Strategist
Berlin / Stuttgart im November 2026
Die europäische Protestwelle hat Deutschland erreicht. Am 31. Oktober trat sie unter dem Anspruch „Gen Z regelt“ auf. Die meisten Demonstrationen blieben friedlich; im Umfeld einzelner Proteste kam es zu Ausschreitungen.
Das Märchen von der „unbeachteten Generation“ beginnt dort, wo eine mobilisierte Gruppe plötzlich für Millionen sprechen soll. Wer Forderungen formuliert, repräsentiert weder automatisch seine Alterskohorte noch besitzt er ein politisches Sondermandat.
Ein Mikrofon macht noch keine Generation. Und ein Hashtag kein Regierungsprogramm. Aufmerksamkeit ist keine Legitimation.
Als Gegenbild müssen die „grauhaarigen Männer“ und die „Boomer“ herhalten. Als hätten Alter und Lebensleistung die politische Berechtigung verwirkt. Eine bemerkenswerte Konstruktion: Diejenigen, die Unternehmen aufgebaut, Infrastruktur finanziert, Institutionen getragen und Wohlstand geschaffen haben, werden zum Feindbild. Ihre Leistungen nimmt man allerdings weiterhin gerne in Anspruch.
Natürlich hat auch diese Generation Fehlentscheidungen, Schulden und strukturelle Versäumnisse hinterlassen. Das gehört zur Bilanz. Aber eine Bilanz wird nicht dadurch besser, dass man nur die Passivseite liest.
Und damit zur entscheidenden Frage: Welche Leistung steht den Forderungen gegenüber?
Wer mehr öffentliche Mittel, Versorgung und soziale Sicherheit verlangt, muss beantworten, wer die Wertschöpfung erbringt, wer investiert, Risiken trägt und den Staat finanziert. Wer die Wehrpflicht ablehnt, muss erklären, wie Verteidigungsfähigkeit künftig gesichert werden soll.
Moralische Dringlichkeit ersetzt keine ökonomische Tragfähigkeit.
Viele junge Menschen leisten in Betrieben, Wissenschaft, Pflege und Unternehmertum längst ihren Beitrag. Gerade sie verdienen es nicht, von einem politischen Aktivistenmilieu zur vermeintlichen Stimme ihrer gesamten Generation vereinnahmt zu werden.
Das Grundgesetz schützt friedlichen Protest. Nicht Gewalt, Einschüchterung oder rechtswidrige Blockaden. Wo solche Grenzen überschritten werden, muss der Rechtsstaat handeln. Nicht nach politischer Sympathie, sondern nach Recht und Gesetz.
Auch Parteien sollten sich fragen, wem sie eigentlich politische Autorität verleihen, wenn sie einzelne Protestbewegungen zur Stimme einer ganzen Generation erklären.
Eine Republik benötigt Widerspruch. Was sie nicht benötigt, ist die Verwechslung von Empörung mit Verantwortung, von Forderung mit Leistung und von Straße mit demokratischem Mandat.
Nicht graue Haare entscheiden über die Zukunft, sondern die Bereitschaft, ihre Voraussetzungen zu schaffen und für ihre Folgen einzustehen. Und zwar auf beiden Seiten.
Denn wer aus der Zukunft einen Wettbewerb zwischen Jung und Alt macht, hat offenbar noch nicht verstanden, dass beide darin leben müssen.
Thomas H. Stütz
Chief Global Strategist