Erstveröffentlichung: 21. Januar 2023
Redaktionell überarbeitet und aktualisiert: August 2026
Wer den Krieg in der Ukraine verstehen will, darf weder bei moralischen Kategorien stehen bleiben noch in geopolitische Monokausalitäten verfallen.
Der russische Angriff auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 war ein Bruch der europäischen Friedensordnung und wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen als Aggression gegen die Ukraine verurteilt.
Diese Feststellung ist Ausgangspunkt jeder seriösen Analyse. Sie beantwortet jedoch nicht die weiterführende strategische Frage, welche Interessen die beteiligten Mächte verfolgen, welche strukturellen Veränderungen aus diesem Krieg entstehen und welche Konsequenzen sich daraus für Deutschland und Europa ergeben.
Internationale Politik besteht nicht aus Freundschaft. Sie besteht aus Interessen, Fähigkeiten, Abhängigkeiten, Machtprojektion und der Fähigkeit von Staaten, die eigene Handlungsfreiheit zu sichern. Genau dort beginnt das eigentliche europäische Problem. Russland trägt die Verantwortung für seine Entscheidung, die Ukraine militärisch anzugreifen.
Gleichzeitig operieren sämtliche relevanten Mächte im europäischen Raum seit Jahrzehnten nach ihren eigenen sicherheits-, wirtschafts- und geopolitischen Interessen. Die Vereinigten Staaten tun dies ebenso wie Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Polen oder die Türkei. Auch die Ukraine selbst verfügt über eigene staatliche Interessen und eigene politische Handlungsspielräume.
Die Schwäche Europas besteht deshalb nicht darin, dass Washington amerikanische Interessen verfolgt. Sie besteht vielmehr darin, dass Europa seine eigenen Interessen häufig nicht mit derselben strategischen Klarheit definiert und durchsetzt. Für Deutschland gilt dies in besonderem Maße.
Amerikanische Außenpolitik folgt seit Generationen einem vergleichsweise konstanten strategischen Grundmuster. Auf dem eurasischen Kontinent soll keine Machtkonstellation entstehen, die das globale Kräftegleichgewicht dauerhaft zulasten der Vereinigten Staaten verändert. Das ist weder Geheimwissen noch eine verborgene Verschwörung, sondern gehört zum klassischen Instrumentarium amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik.
Die Vereinigten Staaten haben deshalb ein objektives strategisches Interesse an einem handlungsfähigen transatlantischen Bündnis, an der Begrenzung russischer Machtprojektion, an der sicherheitspolitischen Bindung Europas an die NATO und an einer europäischen Energieversorgung, die keine einseitige strategische Abhängigkeit von Russland erzeugt.
Die jahrelange amerikanische Opposition gegen Nord Stream 2 war öffentlich und eindeutig. Washington betrachtete die Pipeline als sicherheitspolitisches Risiko für Europa und die Ukraine und setzte zur Durchsetzung seiner Position auch Sanktionen ein. Man kann diese amerikanische Interessenlage teilen oder ablehnen. Man sollte jedoch nicht so tun, als existiere dahinter kein nationales strategisches Kalkül. Großmächte betreiben Interessenpolitik. Genau das macht sie zu Großmächten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum die Vereinigten Staaten amerikanische Interessen vertreten. Die entscheidende Frage lautet, warum Europa so häufig nicht in der Lage ist, seine eigenen Interessen mit vergleichbarer Klarheit zu formulieren.
Im Januar 2023 wurde diese strukturelle europäische Abhängigkeit besonders sichtbar. Die deutsche Diskussion über die Lieferung von Leopard-2-Kampfpanzern an die Ukraine wurde über Wochen mit der Frage verbunden, ob auch die Vereinigten Staaten eigene Abrams-Kampfpanzer bereitstellen würden.
Am 25. Januar 2023 erfolgten schließlich beide Entscheidungen nahezu gleichzeitig. Deutschland kündigte Leopard-2-Lieferungen an, die Vereinigten Staaten erklärten die Bereitstellung von 31 Abrams-Kampfpanzern. Bundeskanzler Olaf Scholz verwies ausdrücklich auf die enge Abstimmung innerhalb des Bündnisses.
Diese Koordination war sicherheitspolitisch nachvollziehbar. Sie offenbarte zugleich etwas Grundsätzliches: Deutschland wollte eine Entscheidung dieser strategischen Größenordnung nicht ohne amerikanische Einbindung treffen.
Das ist weniger eine Frage persönlicher Stärke oder Schwäche eines einzelnen Bundeskanzlers als Ausdruck einer europäischen Sicherheitsarchitektur, in der die militärische Letztabsicherung des Kontinents seit Jahrzehnten wesentlich von den Vereinigten Staaten getragen wird.
Wer deshalb strategische Eigenständigkeit Europas fordert, muss über Fähigkeiten sprechen. Über leistungsfähige Streitkräfte, industrielle Kapazitäten, Energieversorgung, Rohstoffe, Technologie, Nachrichtendienste, Diplomatie und vor allem über den politischen Willen, europäische Interessen selbst zu definieren und im erforderlichen Fall auch durchzusetzen. Strategische Autonomie entsteht nicht durch Deklarationen. Sie entsteht durch Handlungsfähigkeit.
Deutschland hatte über Jahrzehnte ein besonderes wirtschafts- und sicherheitspolitisches Modell entwickelt. Die sicherheitspolitische Absicherung wurde wesentlich über die Vereinigten Staaten und die NATO organisiert.
Ein erheblicher Teil der Energieversorgung beruhte gleichzeitig auf Russland. Die wirtschaftliche Expansion wiederum stützte sich auf offene Weltmärkte und in erheblichem Umfang auf die Verflechtung mit China. Dieses Modell war wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich, strategisch jedoch verletzlich.
Der Ukrainekrieg machte diese Verletzlichkeit sichtbar. Die russische Energieabhängigkeit wurde innerhalb kurzer Zeit massiv reduziert. Deutschland und Europa mussten neue Lieferketten aufbauen. Flüssigerdgas gewann erheblich an Bedeutung, und die Vereinigten Staaten entwickelten sich zu einem wichtigen Lieferanten Europas.
Daraus folgt nicht, dass Washington den Krieg verursacht habe, um amerikanisches Flüssigerdgas zu verkaufen. Eine solche Kausalbehauptung wäre analytisch nicht belastbar. Richtig ist jedoch, dass geopolitische Krisen Gewinner und Verlierer hervorbringen, unabhängig davon, wer sie ausgelöst hat.
Die Vereinigten Staaten konnten ihre sicherheitspolitische Bedeutung für Europa festigen und zugleich ihre Stellung als Energielieferant ausbauen. Russland verlor einen erheblichen Teil seines traditionellen europäischen Absatzmarktes. Europa musste erhebliche wirtschaftliche Anpassungskosten bewältigen. Deutschland verlor gleichzeitig einen Teil jener wirtschaftspolitischen Konstruktion, auf der sein Geschäftsmodell über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Das ist keine moralische Bewertung. Es ist eine Macht- und Interessenbilanz.
Auch Polen muss unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Polen ist weder bloßer Erfüllungsgehilfe Washingtons noch politischer Zuschauer. Polnische Sicherheitspolitik wird wesentlich durch die eigene historische Erfahrung mit Russland und Deutschland geprägt. Daraus resultiert eine ausgesprochen starke Orientierung auf die Vereinigten Staaten und die NATO.
Zugleich verfolgt Warschau gegenüber Deutschland eigene politische Interessen und Forderungen, darunter erneut erhobene Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg. 2022 wurde darüber hinaus öffentlich über eine mögliche stärkere polnische Beteiligung an der nuklearen Teilhabe der NATO diskutiert.
Polen betreibt damit polnische Interessenpolitik. Deutschland muss dies weder moralisch verurteilen noch politisch übernehmen. Es muss vielmehr seine eigenen Interessen mit derselben Selbstverständlichkeit definieren. Genau darin liegt der Unterschied zwischen moralisch aufgeladener Außenpolitik und strategischer Außenpolitik.
Ebenso falsch wäre es, die Ukraine lediglich als Werkzeug Washingtons zu beschreiben. Die Ukraine ist ein souveräner Staat mit eigener Geschichte, eigenen gesellschaftlichen Konflikten und einem elementaren Interesse an staatlicher Existenz und territorialer Integrität. Ihre politische Entwicklung seit dem Euromaidan 2013 und 2014 war zugleich von tiefgreifenden innenpolitischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Auseinandersetzungen geprägt.
Auch kritische Fragen an die ukrainische politische Führung bleiben legitim. Die Pandora Papers dokumentierten Offshore-Strukturen im früheren geschäftlichen Umfeld von Wolodymyr Selenskyj und seinen damaligen Geschäftspartnern. Daraus ergeben sich legitime journalistische und politische Fragen.
Es wäre jedoch nicht belastbar, daraus ohne weitere Belege abzuleiten, der ukrainische Präsident sei lediglich eine Marionette einer ausländischen Regierung. Strategische Analyse verlangt gerade an dieser Stelle Präzision. Staaten können von anderen Mächten massiv unterstützt werden, ohne deshalb ihre eigene Handlungsfähigkeit vollständig zu verlieren.
Der eigentliche Vorgang reicht ohnehin weit über die Ukraine hinaus. Der Krieg ist Teil einer wesentlich größeren Verschiebung der internationalen Ordnung. Die Welt nach 1990 war durch eine außergewöhnlich starke Stellung der Vereinigten Staaten geprägt. Diese Phase verändert sich.
China ist zur wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Großmacht aufgestiegen. Indien verfolgt zunehmend eigenständige Interessen. Staaten des Mittleren Ostens diversifizieren ihre außenpolitischen Beziehungen.
Die Türkei versucht seit Jahren, zwischen unterschiedlichen Machtzentren eigene Handlungsspielräume zu schaffen. Zahlreiche Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas übernehmen westliche Positionen nicht automatisch. Russland wiederum hat seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen außerhalb Europas intensiviert.
Daraus entsteht keine geschlossene Gegenordnung zum Westen. Es entsteht vielmehr eine zunehmend multipolare Interessenordnung, in der Staaten ihre Beziehungen flexibler, transaktionaler und stärker nach eigenen nationalen Vorteilen gestalten. Genau deshalb ist es für Deutschland gefährlich, internationale Politik ausschließlich durch das Schema Freund und Feind zu betrachten.
Deutschland benötigt Partner. Deutschland benötigt Bündnisse. Deutschland benötigt die NATO und die Europäische Union. Aber Deutschland benötigt ebenso ein eigenes strategisches Koordinatensystem.
Die langfristige Ordnungsfrage der Vereinigten Staaten liegt ohnehin nicht allein in Russland. Sie liegt primär in China. Das Verhältnis zwischen Washington und Peking betrifft Technologie, Handel, Halbleiter, maritime Räume, Rohstoffe, Lieferketten, Währungen, militärische Fähigkeiten und letztlich die Frage, wie Macht im 21. Jahrhundert verteilt wird.
Europa wird sich dieser Auseinandersetzung nicht entziehen können. Es darf sich aber auch nicht darauf reduzieren lassen, die jeweilige amerikanische Position automatisch in eine europäische Position zu übersetzen. Die Interessen Deutschlands gegenüber China sind nicht in jedem Bereich identisch mit denen der Vereinigten Staaten. Gleiches gilt gegenüber Indien, dem Mittleren Osten, Afrika und zahlreichen Staaten des Globalen Südens.
Bündnistreue und strategische Eigenständigkeit schließen sich nicht aus. Im Gegenteil. Ein belastbarer Partner ist gerade derjenige, der eigene Fähigkeiten besitzt, eigene Interessen kennt und auf dieser Grundlage Bündnisse eingeht.
Europa benötigt deshalb keine demonstrative Distanz zu Amerika. Europa benötigt strategische Reife. Anti-Amerikanismus wäre genauso unbrauchbar wie naive Gefolgschaft. Die Vereinigten Staaten bleiben für die Sicherheit Europas von zentraler Bedeutung. Sie sind zugleich eine Großmacht mit eigenen Interessen. Beides ist gleichzeitig wahr.
Auch gegenüber Russland benötigt Europa weder romantische Vorstellungen noch ideologische Reflexe. Russland bleibt eine europäische und eurasische Macht, mit der langfristig eine tragfähige sicherheitspolitische Ordnung gefunden werden muss. Eine solche Ordnung kann nicht auf der Akzeptanz militärischer Grenzverschiebungen beruhen.
Ebenso wenig wird eine dauerhafte europäische Friedensordnung allein darin bestehen können, Russland auf unbegrenzte Zeit aus jeder europäischen Sicherheitsarchitektur auszuschließen.
Strategie beginnt dort, wo man zwei unbequeme Wahrheiten gleichzeitig denken kann.
Die zentrale Lehre aus dem Ukrainekrieg lautet deshalb nicht, Deutschland müsse sich zwischen Washington und Moskau entscheiden. Sie lautet vielmehr, dass Deutschland wieder lernen muss, sich selbst strategisch zu denken.
Das bedeutet keine nationale Isolation und keine Abkehr von Europa. Es bedeutet, die deutsche Verantwortung innerhalb Europas ernst zu nehmen.
Deutschland benötigt eine belastbare Vorstellung davon, welche Sicherheitsordnung es in Europa anstrebt, welche wirtschaftlichen Abhängigkeiten tragfähig sind, welche außenpolitischen Beziehungen langfristig notwendig bleiben, welche militärischen Fähigkeiten Deutschland und Europa selbst bereitstellen müssen, wie die europäische Rohstoff- und Energieversorgung gesichert werden kann, welche Rolle Europa im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und China spielen will und unter welchen Bedingungen Deutschland bereit ist, politische, wirtschaftliche oder militärische Risiken zu übernehmen.
Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, wird Deutschland überwiegend auf Strategien anderer reagieren, anstatt selbst strategische Räume zu gestalten.
Eine erwachsene Außenpolitik fragt deshalb nicht zuerst, wer Freund und wer Gegner ist. Sie fragt, welche Interessen geteilt werden, wo Interessen auseinanderlaufen, welche Abhängigkeiten unvermeidbar und welche selbst geschaffen sind, welche Risiken getragen werden können, welche Fähigkeiten benötigt werden und welches Ergebnis ein Staat in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren erreicht haben will.
Die Vereinigten Staaten beantworten solche Fragen seit Generationen. China beantwortet sie. Indien beantwortet sie zunehmend. Die Türkei beantwortet sie. Russland beantwortet sie aus seiner eigenen strategischen Perspektive. Europa muss dies ebenfalls tun.
Reden wir also Klartext.
Das Problem Europas besteht nicht darin, dass andere Mächte Interessen verfolgen. Das Problem Europas beginnt dort, wo andere Mächte ihre Interessen klarer kennen als Europa seine eigenen.
Wer jede Kritik an amerikanischer Strategie als Anti-Amerikanismus abtut, verhindert Analyse. Wer russische Verantwortung relativiert, weil auch andere Mächte Interessen verfolgen, verhindert ebenfalls Analyse. Wer die Ukraine ausschließlich als Objekt fremder Mächte betrachtet, verkennt ihre eigene staatliche Handlungsfähigkeit. Und wer glaubt, Deutschland könne seine Zukunft allein durch moralische Positionierungen sichern, verwechselt Haltung mit Strategie.
Deutschland benötigt keine neue Unterordnung. Weder nach Westen noch nach Osten.
Deutschland benötigt Bündnisfähigkeit, europäische Führungsfähigkeit und strategische Eigenständigkeit. Nicht gegen die Vereinigten Staaten. Nicht zugunsten Russlands. Nicht gegen China. Sondern im eigenen europäischen und deutschen Interesse.
Denn Bündnisse ersetzen keine Strategie. Partnerschaften ersetzen keine Interessen. Moralische Gewissheit ersetzt keine staatliche Handlungsfähigkeit.
Europa wird in der sich herausbildenden Weltordnung nur dann Gewicht besitzen, wenn es selbst in der Lage ist, Macht, Interessen, Verantwortung und langfristige Folgen zusammenzudenken. Deutschland kommt dabei aufgrund seiner wirtschaftlichen Größe, seiner geografischen Lage und seines politischen Gewichts eine besondere Verantwortung zu.
Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb nicht darin, zwischen Washington, Moskau oder Peking Loyalitätsbekundungen auszutauschen. Sie besteht darin, Deutschland gemeinsam mit Europa wieder zu einem eigenständig denkenden, bündnisfähigen und strategisch handlungsfähigen Akteur der internationalen Ordnung zu entwickeln.
Es ist Zeit, diese Fähigkeit wiederzugewinnen.
Thomas H. Stütz
Chief Global Strategist